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Hodenentzündung und Nebenhodenentzündung

Häufigkeit


Legende

chronische Erkrankungen:akute Erkrankungen:
sehr verbreitet> 10 %> 25 %
häufig> 2 %> 5 %
mäßig häufig> 0,4 %> 1 %
ziemlich selten> 0,1 %> 0,2 %
selten> 0,02 %> 0,04 %

Die beiden Krankheitsbilder der (selteneren) Hodenentzündung (Orchitis) und der (häufigeren) Nebenhodenentzündung (Epididymitis) verursachen ähnliche Beschwerden und können auch ineinander übergehen (Epididymo-Orchitis). Während die meist bakteriell verursachte Nebenhodenentzündung häufig auftritt, ist eine alleinige Hodenentzündung (ausgelöst durch Infektionen mit Bakterien oder Viren wie Salmonellen oder Erregern des Mumps) selten. Auch die Therapie der Beschwerden ist bei beiden identisch, weshalb sie im Folgenden gemeinsam beschrieben wird. Während die Hodenentzündung ab der Pubertät und im Erwachsenenalter auftritt, betrifft die Nebenhodenentzündung vor allem ältere Männer mit gestörter Blasenentleerung, bei sexuell übertragenen Keimen aber auch jüngere Männer.

Leitbeschwerden

 

  • Stark schmerzhafte Schwellung von Hoden und/oder Nebenhoden, gerötete Haut des Hodensacks
  • Meist mäßiges, selten hohes Fieber
  • Bei der Hodenentzündung: zusätzlich Beschwerden der verursachenden Virusinfektion (z. B. Schwellung der Ohrspeicheldrüse bei Mumps)
  • Bei der Nebenhodenentzündung: zusätzlich Beschwerden einer Harnwegsinfektion wie Schmerzen beim Wasserlassen und häufiger Harndrang.

Hodenschmerzen bei Kindern sind nur selten durch eine Hoden- oder Nebenhodenentzündung bedingt; insbesondere bei plötzlich auftretenden Schmerzen zumeist in den Morgenstunden besteht der Verdacht auf eine Verdrehung der Hoden (Hodentorsion), eine sofortige operative Klärung ist notwendig.

Wann zum Arzt

Am nächsten Tag bei den genannten Beschwerden, wenn diese allmählich schlimmer werden.

Sofort bei plötzlichem Einsetzen oder schlagartiger Verschlimmerung der Schmerzen und immer bei Kindern und jungen Erwachsenen. Es liegt möglicherweise eine Hodenverdrehung Hodentorsion vor, die sofort operiert werden muss.

Die Erkrankung

Eine Entzündung des Hodens entsteht am häufigsten, wenn Krankheitserreger über das Blut in die Hoden gelangen, sei es im Rahmen einer Infektion mit Viren wie bei Mumps, Windpocken oder dem Pfeifferschen Drüsenfieber oder einer Infektion mit Bakterien wie Salmonellen. Gefürchtet ist die Hodenentzündung bei Mumps (Mumpsorchitis): Sie tritt typischerweise etwa 5 Tage nach Beginn der Erkrankung auf, betrifft aber praktisch nur Jungen bzw. Männer ab der Pubertät, jeden vierten beidseitig und jeden zehnten einseitig.

Nebenhodenentzündung bei einem 29-jährigen Patienten. Die betroffene Seite des Hodensacks ist deutlich vergrößert, schmerzhaft geschwollen und äußerst druckempfindlich, die Haut erscheint hochrot glänzend und überwärmt.

Zur Nebenhodenentzündung kommt es, wenn Bakterien aus dem Harntrakt, der Prostata oder vom benachbarten Hoden auf den Nebenhoden übergreifen. Bei jüngeren Männern lösen oft sexuell übertragene Keime wie Chlamydien oder Erreger der Gonorrhoe (Tripper) eine Nebenhodenentzündung aus. Bei älteren Männern geht die Nebenhodenentzündung meist einher mit einer gestörten Blasenentleerung und der Bildung von Restharn, in dem sich Bakterien leicht vermehren – am häufigsten aufgrund einer Prostatavergrößerung. In der Folge lassen die Betroffenen mit höherem Druck Wasser – es entsteht ein Überdruck, wodurch die im Urin enthaltenen Bakterien aus der Harnröhre über den Samenleiter zurück in die Nebenhoden gelangen können.

Das macht der Arzt

Diagnosesicherung. Zunächst tastet der Arzt Hoden und Nebenhoden ab und untersucht den Hoden anschließend per Ultraschall, um andere Erkrankungen auszuschließen. Auch testet er den Mittelstrahlurin auf Bakterien, um eine begleitende oder ursächliche Harnwegsinfektion auszuschließen. Da die genaue Diagnose oft schwierig ist, bestimmt der Arzt zusätzlich Entzündungswerte im Blut wie z. B. CRP. Ist die Entzündung stark ausgeprägt, sind Hoden bzw. Nebenhoden also hochrot, stark geschwollen und schmerzhaft, und ist der Zustand des Patienten schlecht, erfolgt die Behandlung eventuell in der Klinik.

Therapie. Wenn die Entzündung durch Bakterien verursacht wird, überprüft der Urologe per Ultraschall, wie weit der Patient die Blase noch vollständig entleeren kann (Restharnbestimmung). Ist der Restharn erheblich, wird dem Patienten unter örtlicher Betäubung ein suprapubischer Katheter durch die Bauchdecke in die Blase gelegt, um den Abfluss des Urins wiederherzustellen. Dies betrifft meist nur ältere Patienten.

Behandlung der Nebenhodenentzündung: Um die Beschwerden rasch zu lindern, verordnet der Arzt strikte Bettruhe und Hochlagerung des Hodens durch Mullkissen oder einen Handtuchverband, wie es hier dargestellt ist. Bei sehr starken Schmerzen spritzt der Arzt zusätzlich ein örtliches Betäubungsmittel. Kühlende Umschläge und Salbenverbände z. B. mit Hirudoid® helfen beim Abschwellen der Entzündung. Ist die schlimmste Phase vorüber und kann das Bett wieder verlassen werden, sollte der Betroffene enge Unterhosen tragen, denn ein Herabhängen des erkrankten Hodens schmerzt und behindert den Lymphabfluss. Zur „ambulanten“ Kühlung empfehlen sich in Tücher eingeschlagene Eiskompressen (z. B. Coolpack®).

Antibiotika stoppen das Bakterienwachstum, und entzündungshemmende Schmerzmittel (NSAR) dämpfen die oft erheblichen Schmerzen und wirken abschwellend. Zusätzlich werden Bettruhe, Hochlagerung des Hodens (siehe Selbsthilfe) und Kühlung empfohlen. Bei sehr starken Schmerzen spritzt der Arzt ein örtliches Betäubungsmittel in die Umgebung des Samenstrangs.

Bei schlechtem Allgemeinzustand und mangelnder Versorgung zu Hause wird der Erkrankte stationär eingewiesen, denn in der Klinik ist die Gabe von Antibiotika per Infusion und eine intensivere Überwachung möglich.

Liegt eine virusbedingte Hodenentzündung vor, gelten dieselben Ratschläge; bei Hodenentzündungen durch Mumps oder Windpocken helfen keine Antibiotika, sondern Virostatika. Die Gabe von Interferon, einer Substanz mit Wirkung auf das Immunsystem, hat in mehreren Studien keinen eindeutigen Vorteil gezeigt.

Verlaufskontrolle. Wichtig ist, dass der Urologe den Hoden in regelmäßigen Intervallen abtastet und per Ultraschall beurteilt, um eine Abszessbildung rechtzeitig zu erkennen. Zeichen für einen unkomplizierten Verlauf der Hoden- oder Nebenhodenentzündung ist ein rascher Rückgang von Temperatur und Schmerzen.

Prognose

Nach den meisten Virusinfektionen mit Hodenentzündung kommt es für einige Monate nur zu einer vorübergehend eingeschränkten Spermienbildung. Wenn die Hodenzellen geschädigt sind – was 2–3 % der Betroffenen einer Mumpsorchitis betrifft –, werden jedoch dauerhaft zu wenige oder zu langsame Spermien gebildet, so dass Unfruchtbarkeit die Folge ist. Gleiches gilt für die Nebenhodenentzündung. Unzureichend behandelt, droht oft eine chronische Nebenhodenentzündung, manchmal auch ein Verschluss der Samenwege, was den Ausstoß der Spermien vehindert.

Selbsthilfe

Die Hochlagerung des erkrankten Hodens, z. B. mittels eines speziellen Tragebeutels (Suspensorium), dient der Entlastung des geschwollenen Hodensacks vom Eigengewicht. Aus diesem Grund sollten Sie in der akuten Phase enger anliegenden Unterhosen (anstelle von z. B. Boxershorts) den Vorzug geben.

Schmerzlindernd wirken kühlende Umschläge, wie z. B. ein mit kaltem (nicht eiskaltem!) Wasser getränkter Waschlappen.

Vorsorge

Eine Mumpsorchitis kann durch die rechtzeitige Impfung mit dem Kombinationsimpfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln im Kindesalter sicher vermieden werden.


Von: Dr. med. Martina Sticker, Dr. med. Arne Schäffler | zuletzt geändert am 08.02.2013 um 16:23


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