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Migräne

Häufigkeit


Legende

chronische Erkrankungen:akute Erkrankungen:
sehr verbreitet> 10 %> 25 %
häufig> 2 %> 5 %
mäßig häufig> 0,4 %> 1 %
ziemlich selten> 0,1 %> 0,2 %
selten> 0,02 %> 0,04 %

Migräne: Heftige, anfallsweise auftretende, halbseitige Kopfschmerzattacken. Mit einer geschätzten Häufigkeit von 10–20 % aller Erwachsenen ist die Migräne die zweithäufigste Kopfschmerzerkrankung. Frauen sind dreimal häufiger betroffen als Männer, der Erkrankungsbeginn liegt meist im Jugend- oder frühen Erwachsenenalter.

Leitbeschwerden

  • Wiederholte Kopfschmerzanfälle, meist pulsierend und einseitig (ein Seitenwechsel ist möglich).
  • Dauer wenige Stunden bis zu drei Tagen
  • Zunahme bei körperlicher Aktivität
  • Alltagsaktivitäten erheblich beeinträchtigt oder unmöglich
  • Lärm- oder Lichtscheu, Übelkeit, häufig Erbrechen
  • Möglicherweise vor dem Kopfschmerz Sehstörungen oder Missempfindungen.

Wann zum Arzt

In den nächsten zwei Wochen, wenn

  • Erstmalig ein Kopfschmerz auftritt, der zu einer Migräne „passt“
  • Sich der Charakter einer bekannten Migräne ändert oder eine bislang erfolgreiche Selbstbehandlung nicht mehr wirkt.

In den nächsten Tagen, wenn

  • Kopfschmerzen immer morgens auftreten
  • Zwischen den „Anfällen“ keine Beschwerdefreiheit besteht.

Heute noch, wenn die Kopfschmerzen sehr stark sind und auf „nichts“ ansprechen

Sofort den Arzt rufen, wenn

  • Halbseitenkopfschmerzen nach einer Verletzung auftreten (Ausnahme: oberflächliche Schmerzen z. B. im Bereich einer Schürfwunde)
  • Gleichzeitig (hohes) Fieber und ein steifer Nacken oder (erhebliche) Lichtscheu oder Geräuschüberempfindlichkeit bestehen
  • Zusätzlich zu den Kopfschmerzen Krämpfe (Epilepsie), Bewusstlosigkeit oder Ausfälle (z. B. Lähmungen) bestehen.

Die Erkrankung

Die Migräne ist nicht, wie früher angenommen, psychisch bedingt („sie nimmt wieder mal ihre Migräne“), psychische Faktoren beeinflussen aber den Krankheitsverlauf. Vermutlich ist die Migräne erblich (mit-)bedingt, bei einer seltenen Sonderform sind Gendefekte als Ursache identifiziert. Besteht eine Neigung zur Migräne, lösen verschiedenste Einflüsse, etwa bestimmte Nahrungs- und Genussmittel, Änderungen des Schlaf-Wach-Rhythmus, Hitze, Lärm, Flackerlicht, Stress (oder Entspannung nach vorheriger Anspannung), Aufenthalt in großer Höhe, aber auch „heranziehende“ Infektionen oder bei Frauen die Regelblutung die Anfälle aus.

Beginnt der Anfall sofort mit Kopfschmerzen, spricht man von einer Migräne ohne Aura. Bei ungefähr 10–15 % der Betroffenen leiten aber Ausfälle (häufig Sehstörungen wie z. B. Lichtblitze und Gesichtsfelddefekte) eine Migräneattacke ein. Diese Form heißt Migräne mit Aura (früher klassische Migräne).

Was genau beim Migräneanfall passiert, ist nach wie vor nicht ganz klar. Es gibt verschiedene Theorien zur Migräneentstehung, wobei jedoch bislang keine alle Beschwerden und Formen der Migräne befriedigend zu erklären vermag. Nach heutigem Kenntnisstand steht eine Funktionsstörung der Nervenzellen und nicht der Blutgefäße am Anfang des Geschehens. Mittels SPECT und PET konnte eine erhöhte Durchblutung in bestimmten Teilen des Hirnstamms nachgewiesen werden. Wahrscheinlich führt die Aktivität dieses so genannten Migränegenerators zu einer veränderten Botenstoffausschüttung, wobei dem Botenstoff Serotonin eine entscheidende Rolle zukommt. Diese Veränderungen sollen dann auf die Fasern des Trigeminusnervs („zuständig“ für die Empfindungen von Hirnhäuten und Gesicht) und die körpereigenen schmerzregulierenden Systeme zurückwirken sowie die Hirnhautgefäße erweitern und dadurch zum migränetypischen Kopfschmerz führen. Für die Aura verantwortlich ist wahrscheinlich eine verminderte Nervenzellaktivität, die über bestimmte Teile der Großhirnoberfläche wandert und eine Phase verminderter Durchblutung nach sich zieht. Die Wechselbeziehungen zum Migränegenerator im Hirnstamm sind noch unklar.

Die Veranlagung zur Migräne ist nicht zu ändern, mit einer Kombination der unten genannten Behandlungsmöglichkeiten gelingt es den meisten Betroffenen aber, sie in einem erträglichen Rahmen zu halten. Etwa ab dem 5. Lebensjahrzehnt bessert sich die Migräne oft von selbst.

Das macht der Arzt

Sind die Beschwerden typisch und kann der Arzt keine weiteren Auffälligkeiten feststellen, „steht“ die Diagnose. Passt aber das Bild nicht ganz, treten z. B. erstmals Ausfälle auf, beginnt die Erkrankung erst nach dem 40. Geburtstag oder ändert sich eine bekannte Migräne, müssen andere Grunderkrankungen ausgeschlossen werden, wobei CT und Kernspin an erster Stelle stehen.

Viele Migräneanfälle sind so schwer, dass Selbsthilfemaßnahmen allein nicht ausreichen. Erwachsene sollten dann als Erstes ein Mittel gegen Übelkeit und Erbrechen nehmen (z. B. Metoclopramid, etwa Paspertin®) und erst eine Viertelstunde später ein Schmerzmittel. International empfehlen mehrere Fachgesellschaften als Mittel der ersten Wahl 900–1 000 mg Acetylsalicylsäure (z. B. Aspirin®), 1 000 mg Paracetamol (z. B. ben-u-ron®), 400 mg Ibuprofen (z. B. Dolormin® Migräne) oder 1 000 mg Phenazon, am besten als Brause- oder Kautablette. Noch wirksamer sind Kombinationspräparate mit 250–265 mg Acetylsalicylsäure, 200–265 mg Paracetamol und 50–65 mg Koffein (z. B. Neuralgin® Schmerztabletten oder Thomapyrin® Intensiv); die einzelne Einnahmedosis liegt bei 2 Tabletten. Für Kinder/Jugendliche unter 16 Jahren sind Paracetamol oder Ibuprofen am besten, für Schwangere Paracetamol.

Wirken diese Medikamente nicht ausreichend, werden Triptane (Serotoninrezeptoragonisten) gegeben, die in das Botenstoffgefüge (genauer den Serotoninhaushalt) im Gehirn eingreifen, etwa Sumatriptan (z. B. Imigran®), Zolmitriptan (z. B. AscoTop®) oder Naratriptan (z. B. Naramig®). Die Arzneimittel sind jedoch kostspielig und können zudem Nebenwirkungen hervorrufen. Sie dürfen nicht schon in der Auraphase, sondern erst zu Beginn der Kopfschmerzen eingenommen werden.

Die früher häufig verordneten Mutterkornalkaloide oder Ergotamine (z. B. Ergo-Kranit®) wurden durch die Triptane inzwischen verdrängt. Manche Betroffene kommen aber mit diesen Medikamenten gut zurecht und können sie dann weiter nehmen.

Triptane und Ergotamine dürfen nie gleichzeitig eingenommen werden, da sich dann die Gefäße stark verengen und Durchblutungsstörungen vor allem in Herz und Gehirn drohen.

Bei häufigen Migräneanfällen ist wegen des Nebenwirkungsrisikos der Schmerzmittel eine Dauergabe vorbeugender Medikamente sinnvoll. Vorzugsweise eingesetzt werden die aus der Bluthochdruckbehandlung bekannten Betablocker, der Kalziumantagonist Flunarizin (z. B. Flunavert®) sowie Antiepileptika.

Selbsthilfe

Während des Anfalls helfen am besten Ruhe in einem dunklen, leisen Raum und Kälteanwendungen, z. B. durch kalte Kompressen oder Kühlpacks im Nacken aufgelegt oder in Form einer Migränebrille.

Bekannte Anfallsauslöser sollten gemieden werden, allerdings ist es oft nicht leicht herauszufinden, was einen Anfall provoziert und was am besten geholfen hat. Dann ist für eine begrenzte Zeit das Führen eines Schmerztagebuchs sinnvoll. Lange Zeit galten Schokolade und Süßigkeiten als Auslöser, da Betroffene häufig von Heißhungerattacken vor dem Anfall berichteten. Eine aktuelle Studie zeigt aber, dass Schokolade den Anfall nicht verursacht, sondern die verstärkte Lust auf Süßes ihn vielmehr ankündigt. Der Grund dahinter: Das Gehirn braucht Energie für den bevorstehenden Migräneanfall. Das bedeutet: Um einem Anfall vorzubeugen, nützt es nichts auf Schokolade zu verzichten. Im Gegenteil, laut der Studie verstärkt das bewusste Meiden von Auslösern die Symptome sogar.

Auch regelmäßiger Ausdauersport vermag die Zahl der Migräneanfälle zu reduzieren. Dreimal die Woche joggen bewirkt, dass das Gehirn Endorphine freisetzt. Diese blockieren für eine gewisse Zeit das Schmerzempfinden. Dadurch steigt die individuelle Schmerzschwelle an, und Kopfschmerzen treten seltener und schwächer auf. Als wirksam erwiesen haben sich darüber hinaus verschiedene Verhaltenstherapien, sie lohnen sich vor allem für Menschen mit häufigen Migräneanfällen. Besonders wirkungsvoll ist eine Biofeedback-gestützte Verhaltenstherapie, bei der die Patienten lernen, durch Konzentration den Schmerz willentlich zu beeinflussen. Dabei verengen sie selbst die Arterien der Schläfe, etwa indem sie sich einen zusammengedrückten Schwamm vorstellen.

Komplementärmedizin

Alle für den Spannungskopfschmerz beschriebenen naturheilkundlichen Therapien können auch bei Migräne helfen. Speziell für Migränepatienten werden empfohlen:

Pflanzenheilkunde. Pflanzliche Mittel mit Pestwurzwurzelstock wie z. B. Petadolex® Kapseln werden zwar zur Prophylaxe und Linderung eines Migräneanfalls empfohlen, ihre vorgeblich schmerzlindernde und entkrampfende Wirkung ist allerdings trotz verschiedener Untersuchungen umstritten.

Biofeedback. Biofeedback reduziert nachweislich die Häufigkeit und die Intensität von Migräneanfällen Quelle:[T06]. Hierfür wird ein Sensor über der Schläfenarterie befestigt. Als Signal dient die an dieser Arterie gemessene Durchblutung. Durch das optische Rückmeldesignal auf dem Bildschirm lernt der Betroffene, den Durchmesser der Arterie willentlich zu vergrößern und damit eine Änderung der Durchblutung zu erreichen.

Akupunktur. Die Akupunktur wird bei Migräne von der WHO empfohlen und erklärt bei der Komplementärmedizin für Spannungskopfschmerzen. In einigen Fällen scheint Akupunktur während eines beginnenden Migräneanfalls eine ausgeprägte Attacke verhindern zu können – eine endgültige Bewertung steht allerdings noch aus.

Homöopathie . Empfohlen werden insbesondere Belladonna, Cimicifuga, Gelsemium und Sanguinaria als Akut- (D6 oder D12) oder Kombinationstherapie (ab C30) – Nachweise zur Wirksamkeit fehlen jedoch.

Progressive Muskelentspannung nach Jacobson Ihr Nutzen als Begleittherapie ist für Kinder wissenschaftlich erwiesen Quelle:[T04].

Weiterführende Informationen

  • O. Sacks: Migräne. Rowohlt, 2007. Sehr umfangreicher Ratgeber des international bekannten Neurologen und Schriftstellers.

Von: Dr. med. Nicole Menche | zuletzt geändert am 17.08.2016 um 16:09


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