30 000 Krankheiten kann die Medizin heute aufzählen, davon sind viele glücklicherweise so selten, dass sie nicht einmal der Pschyrembel aufführt, das berühmte grüne Medizinlexikon, das jeder Arzt im Regal stehen hat.
Viele dieser Krankheiten entziehen sich unserem Kausalitätsbedürfnis, dem Wunsch also, für alles eine plausible Ursache zu finden. Trotzdem gibt es in der Medizin ein paar Grundannahmen über die Krankheitsentstehung:
Schädigung durch andere Lebewesen. Viele bekannte Krankheiten entstehen, weil Mikroorganismen unser Abwehrsystem überlisten können. Und weil diese sich rasch vermehrenden Arten so extrem wandlungsfähig sind, kommen immer neue feindliche Arten dazu – so hat es etwa das für AIDS verantwortliche Virus vor etwa 50 Jahren geschafft, vom Affen auf den Menschen überzugehen. Jedes Jahr wird der Mensch auf diesem Weg mit einem oder zwei neuen Infektionserregern konfrontiert, so etwa vor wenigen Jahren mit der Vogelgrippe.
Umgekehrt kann das menschliche Abwehrsystem aber auch „lernen“, Mikroorganismen besser abzuwehren – häufig ist dies allerdings ein Prozess, der Jahrhunderte dauert. Aber immerhin: Viele Erreger sind dadurch heute weitaus weniger „gefährlich“ geworden, wie etwa die weit verbreiteten Herpesviren oder Tuberkulose-Erreger.
Schädigungen durch Umwelteinflüsse. Lange Zeit wurden Menschen vor allem krank, weil ihr Körper nicht ausreichend mit Nährstoffen und Vitaminen versorgt wurde. Heute entstehen viele Krankheiten durch Schadstoffe, die sich der Mensch selbst zuführt, vor allem durch Zigaretten, Alkohol und Drogen. Für Letztere sind wir übrigens deshalb so empfänglich, weil sie die in unserem Gehirn verankerten Belohnungssysteme anregen – wir „spüren“ die angenehme Wirkung, die schädigende hingegen nicht. Aber auch „äußere“ Belastungen wie Feinstaubpartikel, Schwermetalle, Verkehrs- oder Arbeitsunfälle gefährden unsere Gesundheit heutzutage weitaus mehr als ein Vitamin-C-Mangel. Ein besonders heimtückischer Einfluss ist Stress: während wir kurzzeitige Belastungen meist gut ertragen, übersteigt Dauerstress unsere psychische Belastbarkeit und macht uns krank.
Anlagebedingte Erkrankungen. Manche genetischen Erkrankungen sind schlichtweg Webfehler der Natur und entstehen z. B., wenn Erbmaterial fehlerhaft kopiert wird. Die meisten genetischen Erkrankungen sind aber kein Fehler der Natur, sondern der Preis, den wir für anderweitige Vorteile zu bezahlen haben: So war es über lange Phasen der Evolution von Vorteil, ein Gen für besonders gute Eisenspeicherung zu haben. Die betroffenen Frauen konnten das Eisen aus der Nahrung nämlich besser speichern als Frauen, die kein solches Gen hatten und waren dadurch unter schlechten Lebensbedingungen fruchtbarer – entsprechend weit verbreitet ist heute das Gen für besonders gute Eisenspeicherung. In seltenen Fällen allerdings kann diese Anlage auch schädlich wirken – dann nämlich, wenn jemand zwei solcher Gene vererbt bekommt: eines von der Mutter und eines vom Vater. In diesem Fall wird so viel Eisen aufgenommen, dass die so genannte Eisenspeicherkrankheit (Hämochromatose), entsteht. Diese Erkrankung ist sozusagen der Preis für die bessere Eisenverwertung der mit nur einem Gen „gesegneten“ Menschen.
Passungsprobleme. Wie jedes Lebewesen hat sich auch der Mensch im Laufe der Zeit so gut wie möglich an seine Umwelt angepasst. Aber während diese Anpassung jahrhundertelang in kleinen Schritten erfolgte, hat sich das Leben der letzten Generationen in Riesenschritten gewandelt. Und das hat zu einem auch als Genfalle bezeichneten Problem geführt: Die Passung zwischen unseren genetischen Programmen und der heutigen Umwelt ist dahin, unsere biologische Ausstattung ist der heutigen Umwelt nicht mehr gewachsen. Im Grunde beruhen alle Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht, Stoffwechselprobleme, Bluthochdruck und Gefäßerkrankungen größtenteils auf solchen Passungsproblemen. Und auch für die zunehmenden Allergien und Autoimmunerkrankungen werden Passungsprobleme verantwortlich gemacht.
Wechselwirkungen. Viele der beschriebenen Einflüsse wirken nicht für sich, sondern im Zusammenspiel: Die meisten genetischen Belastungen etwa schlagen nur dann in eine Krankheit um, wenn die Umwelt- und Lebensbedingungen ungünstig sind. So ist etwa beim Typ-2-Diabetes bekannt, dass bestimmte genetische Konstellationen das Risiko erhöhen. Zum Tragen kommt diese Veranlagung aber nur, wenn die betroffenen Menschen ungünstig leben, etwa sich wenig bewegen und auf Dauer zu reichhaltig essen.
Die Medizin als Reparaturbetrieb
Auch wenn über die Medizin als "Reperaturbetrieb" und die damit verbundene Medizintechnik oft abfällig geurteilt wird: Sie verhilft Abertausenden Menschen tagtäglich zu einem besseren Leben - schon eine Brille auf der Nase gleicht das aus, was früher eine schwere Behinderung gewesen wäre.
www.hartmann.info, Paul Hartmann AG, Heidenheim
Um nicht missverstanden zu werden: Es gibt die „reparierende“ Medizin – und das ist auch gut so. Denn hier ist gerade die Schulmedizin sehr erfolgreich: Da ist der schwerverletzte Motorradfahrer, der 6 Monate später problemlos wieder arbeiten kann; da die Frau, die den plötzlichen Tod ihres Mannes zu verkraften hat und der es dank Krisenintervention und psychotherapeutischer Begleitung gelingt, im Alltag wieder Fuß zu fassen und an das eigene Leben zu glauben.
Viele Menschen fragen sich, warum die Medizin nicht überall so erfolgreich sein kann – denn vieles, was Ärzte und Therapeuten heute tun, erweist sich im Nachhinein als erfolglos.
Erfolg bei begrenzten und akuten Gesundheitsstörungen
Die Antwort hat etwas mit der Lebensgeschichte der betroffenen Menschen zu tun: Die Medizin kann Gesundheit vor allem dann wiederherstellen, wenn eine begrenzte oder akute Störung vorliegt, der Organismus bzw. die Psyche insgesamt aber in stabiler Verfassung sind. Also: Wenn es dem Patienten vorher gut gegangen ist, kann die moderne Medizin helfen. Die noch vorhandenen Eigenkräfte des Organismus lassen eine Besserung zu.
Die Stärken der modernen Medizin lagen von Anfang an dort, wo sie Krankheiten mit einer klar umrissenen Ursache behandeln konnte: Ein Fuß ist gebrochen – ein Gips kommt dran – der Knochen heilt. Oder: Die Lunge ist entzündet – Antibiotika werden gespritzt – die Infektion kommt zum Stillstand und heilt aus.
Weniger Erfolg bei anderen Krankheiten
Das ist bei chronischen Krankheiten, die heute vorherrschend sind, nicht der Fall. Alles, was die moderne Medizin hier erreichen kann, sind Etappensiege: Weder stressbedingte noch chronische Erkrankungen haben in der Regel den einen, greifbaren und damit behandelbaren „Grund“. Ihre Ursachen sind vielmehr eingewoben in von außen nur schwer zu beeinflussende Lebenszusammenhänge, und die Krankheit entsteht oft genug über Jahre oder sogar Jahrzehnte. Als Beispiel sei noch einmal die Übergewichtsproblematik genannt: Vordergründig ist sie durch einen „falschen Lebensstil“ bedingt. Warum aber immer mehr Menschen nach dem „falschen Stil“ leben – also sich zu wenig bewegen und zu viel essen – liegt an tief greifenden Änderungen der modernen Arbeits- und Lebenswelt, denen sich eben nur wenige entziehen können.
Damit ist Frustration sowohl beim Arzt als auch beim Patienten vorprogrammiert: Leidet der Patient an einer stressbedingten Störung, muss er sich anhören, dass ihm nichts Körperliches fehlt. Leidet er an einer chronischen Erkrankung, muss er damit rechnen, dass ihm nicht dauerhaft geholfen werden kann, sondern die Beschwerden allenfalls gelindert und Verschlechterungen hinaus gezögert werden können. Der Patient sitzt damit in der Erwartungsfalle: Die Unterstützung, die er sich im Umgang mit seinem Leiden erhofft, bleibt aus. Kein Wunder also, dass trotz „besserer“ Medizin noch immer so viele Menschen leiden. Kein Wunder auch, dass sich immer mehr Menschen enttäuscht von der Schulmedizin abwenden.