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Diagnosefinder
Leben mit halbem Gehirn
Ein Mädchen hat nur eine Gehirnhälfte – aber keine Probleme
Ein zehnjähriges deutsches Mädchen lebt mit einem halben Gehirn. Doch es ist nicht etwa beeinträchtig, sondern entwickelt sich völlig normal. Am meisten erstaunt die Forscher, die den einzigartigen Fall untersuchten, dass das Mädchen nicht einmal unter Einschränkungen des Gischtsfeldes leidet.
Gesund und glücklich
Die kleine AH, wie die Forscher das Mädchen in ihrer Studie nennen, geht auf eine normale Schule, fährt gern Inlineskates, ist glücklich und gesund. Dass ihr die rechte Gehirnhälfte fehlt, entdeckten die Ärzte nur durch Zufall: Mit drei Jahren litt sie an leichten Zuckungen in der linken Körperhälfte und die Eltern brachten sie zur Untersuchung. Das Ergebnis der Kernspintomografie war unglaublich: AHs rechte Gehirnhälfte fehlt komplett. Wo sie sein sollte schwimmt nur Nervenwasser und dennoch beeinträchtigt das die Kleine nicht. „Trotz der fehlenden Gehirnhälfte sind ihre psychologischen Funktionen völlig normal und sie kann ein erfülltes Leben leben. Das Mädchen ist geistreich, intelligent und herzig“, sagt der Studienleiter Lars Muckli, der den Fall jetzt genauer untersucht. Begonnen hat er seine Studie am Frankfurter Max-Planck-Institut für Hirnforschung zusammen mit dessen Direktor Wolf Singer. Mittlerweile lehrt Muckli an der schottischen University of Glasgow.
Gehirn organisiert sich neu
Was die Hirnforscher besonders erstaunt, ist dass das Mädchen völlig normal sehen kann. „Der Fall, dass beim Menschen eine Hirnhälfte das gesamte Gesichtsfeld repräsentiert, wurde bislang nie beschrieben“, sagt Wolf Singer. AHs Gehirn kann das Fehlen der rechten Hirnhälfte erstaunlich gut ausgleichen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Entwicklungsstörung schon etwa einen Monat nach der Geburt auftrat. „Zu so einem frühen Zeitpunkt kann sich das Gehirn neu organisieren und so selbst auf massive Störungen reagieren. Im Laufe des Lebens nimmt diese Fähigkeit immer mehr ab, aber selbst bei Erwachsenen kann es Schäden und Verletzungen oft abmildern, wie wir etwa von Schlaganfall-Patienten wissen“, erklärt Singer.
Umbau der Hirnrinde
Doch bei Schlaganfall-Patienten, bei der die Sehrinde in einer Gehirnhälfte ausfällt, verursacht das eine Halbseitenblindheit. Ihnen fehlt die rechte oder die linke Seite des Gesichtsfeldes, das heißt sie sehen nur was entweder links oder rechts von der Nasenspitze passiert, wenn sie den Kopf nicht drehen. Bei AH ist das faszinierenderweise nicht so. Sie hat ein komplettes Gesichtsfeld, obwohl ihr die rechte Sehrinde fehlt. Wie das möglich ist haben Muckli und Singer im funktionellen Kernspintomografen untersucht, der Aktivitäten im Gehirn sichtbar macht: Die Sehnerven des rechten Auges wachsen in die linke Hirnhälfte. Wenn eine der beiden Großhirnhälften fehlt, gelangen also alle Signale aus den Augen in die verbleibende Hälfte. Die zusätzlichen Informationen bewirken dort einen umfangreichen Umbau der Hirnrinde, sodass die neuen Sinneseingänge Platz finden und verarbeitet werden. Diese Umorganisation des Gehirns macht es möglich, dass die Patientin über das gesamte Gesichtsfeld hinweg gut sieht.
Offenbar sind auch noch andere Gehirngebiete neu verdrahtet worden: „Eine Gehirnregion, die Bewegungen mit Sehinformationen koordiniert, ist bei ihr außerordentlich groß ausgebildet“, sagt Singer. So kommt es, dass AH abgesehen von den bereits behandelten Zuckungen und einer leichten Schwäche in der linken Körperhälfte auch körperlich keine Probleme hat und weiterhin fröhlich inlineskaten wird.
- Links:
- Mehr Informationen auf den Seiten des Max-Planck-Institutes und der University of Glasgow.



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