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Redaktion apotheken.de » Gesundheit und Politik » Arzneimittelversorgung

Paracetamol nur scheinbar harmlos?


Streit um Nebenwirkungen von Paracetamol


Paracetamol ist eine der bekanntesten Arzneien überhaupt. Wer erkältet ist, Fieber oder leichte Schmerzen hat, greift gerne zu diesem wirksamen Mittel, das in niedrigen Dosierungen auch rezeptfrei erhältlich ist. Gegen einen allzu sorglosen Einsatz von Paracetamol spricht sich nun ein bekannter Pharmakologe aus – und fordert sogar, das Präparat vom Markt zu nehmen.

Ein „Wolf im Schafspelz“?

Prof. Kay Brune von der Universität Erlangen-Nürnberg nennt in einem Gastbeitrag zur Deutschen Apothekerzeitung eine ganze Reihe Risiken von Paracetamol. Neben den bekannten Nebenwirkungen wie Leberschädigungen und Bluthochdruck führt er auch neuere, bislang wenig bekannte Forschungsergebnisse an.

So legten zwei skandinavische Studien den Verdacht nahe, Paracetamol könne, wenn Schwangere es einnehmen, beim männlichen Embryo zu Hodenfehllagen und einer Beeinträchtigung der Fruchtbarkeit führen. Darüber hinaus ließen mehrere neuere Arbeiten vermuten, dass Kinder häufiger an Asthma erkranken, wenn sie in der Gebärmutter oder kurz nach der Geburt der Substanz ausgesetzt werden.

Deshalb betrachtet Prof. Brune Paracetamol als einen „Wolf im Schaftspelz": ein nur scheinbar harmloses Mittel, das gerade für Kinder gefährlich sei und deshalb vom Markt genommen oder zumindest uneingeschränkt der Rezeptpflicht unterstellt werden solle.

Auch die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) findet Paracetamol weniger harmlos als allgemein angenommen. Schon eine einmalige Dosierung von 10 Gramm kann bei Erwachsenen eine schwere Vergiftung auslösen. Zwar lassen sich die meisten solcher Fälle auf einen Selbstmordversuch zurückführen, aber auch unabsichtlich wird Paracetamol immer wieder überdosiert.

Deshalb begrüßt die AMK die seit 2008 bestehende Verschreibungspflicht für Packungen, die mehr als 10 Gramm Wirkstoff enthalten.

Zu  Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Apotheker

Die von Prof. Brune ausgesprochenen Warnungen prüft zurzeit die Europäische Arzneimittelagentur. Sollten die Experten weitere Maßnahmen empfehlen, werden diese natürlich auch in Deutschland umgesetzt.

Vorläufig ist angesichts der langjährigen Erfahrung mit Paracetamol sicherlich keine übertriebene Angst angezeigt – Vorsicht hingegen sehr wohl. Denn wie jedes Medikament muss auch Paracetamol sachgemäß und verantwortungsvoll angewendet werden. Insbesondere bei Vorschädigungen der Leber oder bei gleichzeitiger Einnahme weiterer Arzneimittel bestehen Risiken. Richtig dosiert ist Paracetamol jedoch ein bewährtes und sicheres Medikament und auch während einer Schwangerschaft und in der Stillzeit das Schmerz- und Fiebermittel der Wahl. Und wer in der Apotheke nach Paracetamol fragt, erhält auch ohne Rezept eine kompetente Beratung.


22.12.2010 | Von: Markus Kessel, Bild: Diego Cervo/Bigstock