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Androgeninsuffizienz und PADAM



Häufigkeit


Legende

chronische Erkrankungen:akute Erkrankungen:
sehr verbreitet> 10 %> 25 %
häufig> 2 %> 5 %
mäßig häufig> 0,4 %> 1 %
ziemlich selten> 0,1 %> 0,2 %
selten> 0,02 %> 0,04 %

Androgeninsuffizienz (Testosteronmangel, Hodeninsuffizienz, Altershypogonadismus): Rückgang der Wirkung männlicher Sexualhormone, insbesondere des Testosterons. Folgen können Impotenz und Verstimmungen sein, bei extremen Hormonmangel drohen Osteoporose und Muskelschwund. Der Mangel an Testosteron und seinen Abkömmlingen Androstendion und DHEA, die zusammen die Androgene bilden, kann unterschiedliche Ursachen haben: ein altersbedingtes Nachlassen der Testosteronproduktion der Hoden (PADAM) oder ein Mangel an Steuerhormonen, die die Testosteronausschüttung ankurbeln, z. B. durch Tumoren der Hypophyse Hirnanhangdrüse. Zudem gibt es einen Zusammenhang zwischen dem metabolischen Syndrom und der Androgeninsuffizienz.

Entgegen früherer Ansicht sind die Auswirkungen eines Testosteronmangels eher unklar, vor allem bei grenzwertigen Testosteronwerten. Auch bei der Testeosteronersatztherapie sind sich die Experten uneins. Basismaßnahme bei einer Androgeninsuffizienz ist jedoch immer die Behandlung eines eventuell vorliegenden metabolischen Syndroms, da dadurch die Beschwerden häufig gemildert werden.

Leitbeschwerden beim älteren Mann

Die Beschwerden beim Testosteronmangel sind unspezifisch und der Zusammenhang mit erniedrigten Hormonwerten nicht eindeutig. Folgende Auswirkungen eines Testosteronmangels sind möglich:

  • Sexuelle Funktionsstörungen wie verminderte Libido (sexuelles Verlangen) und erektile Dysfunktion
  • Rückbildung der Muskulatur
  • Anstieg des Körperfettanteils, vor allem in der Bauchregion
  • Psychische Beschwerden wie Müdigkeit, Schlafstörungen, Unwohlsein oder depressive Verstimmungen
  • Haut- und Haarveränderungen
  • Im Extremfall (scheinbar spontane) Knochenbrüche durch Osteoporose.

Wann zum Arzt

In den nächsten Wochen, wenn

  • oben genannte Beschwerden auftreten.

Die Erkrankung

Begrifflichkeit

Populär geworden ist die Androgeninsuffizienz durch die Anti-Aging-Medizin. Millionen von Männern leiden an Müdigkeit, Unwohlsein, Impotenz und all den anderen Leitbeschwerden. Viele Ärzte greifen das Thema als IGeL-Leistung auf und führen umfangreiche Hormontests durch. Meist wird nur ein teilweiser Mangel an Testosteron festgestellt, weshalb Anti-Aging-Mediziner dann auch vom PADAM, dem partiellen Androgendefizit des alternden Mannes (Testosteronmangel-Syndrom) sprechen. Über dessen Häufigkeit und klinische Bedeutung wird gestritten.

Begriffe wie männliche Wechseljahre, Klimakterium virile, ADAM (Androgen Decline in the Aging Male), Testopause oder Andropause wurden von manchen Autoren eingeführt, um den hormonellen Veränderungen des alternden Mannes analog zu den Wechseljahren der Frau Rechnung zu tragen. Die Hormone DHEA (Vorstufe des Testosterons) und das Wachstumshormon Somatotropin sinken zwischen dem 45. und 65. Lebensjahr ab, Testosteron etwa ab dem 40. Lebensjahr jährlich um 1 %. Das Absinken der Hormone geschieht jedoch beim Mann nicht sprunghaft wie bei der Frau. Es findet also kein "Wechsel" in der hormonellen Gesamtsituation statt wie bei der Frau – deshalb ist der Begriff der männlichen Wechseljahre medizinisch nicht korrekt.

Wirkungen des Testosterons. Die Bildung von Testosteron erfolgt über den für Hormone typischen Regelkreis mit negativer Rückkopplung und es beeinflusst viele Zielorgane.

Ein Testosteronmangel kommt aber auch bei vielen Erkrankungen vor, die mit den "männlichen Wechseljahren" nichts zu tun haben, so bei schweren Leber-, Nieren-, Herz- und Kreislauferkrankungen. Er tritt aber auch psychisch bedingt bei chronischer Stressbelastung und Alkoholmissbrauch auf.

Inzwischen ist zudem bekannt, dass die Androgeninsuffizienz häufig mit einem metabolischen Syndrom zusammenhängt. So ist die Fettleibigkeit ein starker Risikofaktor für die Entwicklung einer Androgeninsuffizienz, und eine Testosteronsubstitution kann die Auswirkungen eines metabolischen Syndroms bessern. Ob das metabolische Syndrom zu einem Testosteronmangel führt oder – anders herum – der Testosteronmangel zu einem metabolischen Syndrom ist jedoch noch ungeklärt.

Testikuläre Feminisierung, Androgeninsuffizienz der Frau

Eine angeborene Störung mit fehlenden Androgenrezeptoren, wodurch die Zellen der Zielorgane das Testosteron nicht erkennen, führt dazu, dass das männliche Geschlecht nicht oder nicht 100%ig ausgebildet wird. Die betroffenen Jungen fallen dann durch fehlende Hoden (Anorchie) oder einen Hodenhochstand auf oder kommen im Extremfall sogar als Mädchen zur Welt, obwohl sie erblich ein Junge sind (der Kinderarzt spricht von Testikulärer Feminisierung). Auch Frauen erhalten gelegentlich die Diagnose einer (weiblichen) Androgeninsuffizienz, z. B. im Rahmen einer Anti-Aging- oder Wechseljahres-Diagnostik. Testikuläre Feminisierung und Androgeninsuffizienz der Frau werden in diesem Beitrag nicht behandelt.

Diagnosesicherung

Neben einer körperlichen Untersuchung und Befragung des Patienten bezüglich der Beschwerden umfasst die Diagnostik die Messung folgender Hormone in zwei jeweils voneinander unabhängig am Morgen gewonnenen Blutproben:

  • Gesamttestosteron
  • Sexualhormon bindendes Globulin SHBG
  • Steuerhormone FSH und LH.

Aus SHBG und Gesamttestosteron wird die Menge an freiem Testosteron berechnet. Das SHBG steigt mit zunehmendem Alter an, und in der Folge fällt der Anteil des freien, hormonell aktiven Testosterons ab.

Sinnvoll ist auch ein Stimulationstest mit Beta-HCG, der die Testosteronausschüttung um 50–150 % steigern sollte. Die bequeme Testosteronbestimmung im Speichel empfehlen wir nicht – sie ist nicht zuverlässig.

Im Falle eines Testosteronmangels fahndet der Arzt auch nach Anzeichen des häufig vergesellschafteten metabolischen Syndroms. Dazu werden Körpergewicht, Bauchumfang und Blutdruck sowie die Blutfette, der Blutzucker und die Leberwerte bestimmt.

Behandlung

Basismaßnahmen

Gewichtsreduktion, vermehrte Bewegung, die Behandlung eines etwaigen Bluthochdrucks oder Diabetes verbessern häufig die dem Testosteronmangel zugeschriebenen Beschwerden. Weitere wichtige Lebensstiländerungen bei einer Androgeninsuffizienz sind Maßhalten beim Alkohol und eine gesunde Ernährung.

Die Testosteron-Ersatztherapie

Der Ausgleich eines teilweisen Testosteronmangels durch Testosterongaben kann bei PADAM-Patienten nur sehr eingeschränkt empfohlen werden. Grund dafür ist, dass die Testosteron-Ersatztherapie beim PADAM nicht unproblematisch ist, denn:

  • Alle Androgeninsuffizienz-Beschwerden kommen auch bei Männern mit normalen Testosteronspiegeln vor, z. B. bei falscher Ernährung, psychischer Belastung und zu wenig Bewegung. Kein Arzt kann also mit Sicherheit sagen, ob der Androgenmangel wirklich die Ursache der PADAM-Beschwerden ist.
  • Die Gabe von Androgenen birgt die Gefahr, das Wachstum eines Prostatakrebses zu beschleunigen, den eine große Zahl von Männern unerkannt in sich trägt. Deshalb rät die Mehrzahl der Ärzte bei altersentsprechend normalen oder nur geringfügig erniedrigten Testosteronwerten von der Testosterongabe ab.
  • Aber auch die erwünschten Effekte auf Stimmung und sexuelle Funktionsstörung stellen sich nicht sicher ein: Eine Depression etwa kann durch Testosteroneinnahmen auch verstärkt werden.
  • Es gibt keine gesicherten Daten über die Effekte einer langjährigen Testosteroneinnahme.

Anders sieht es bei Patienten mit deutlich erniedrigten Testosteronwerten aus, denn sie profitieren meist erheblich von der Testosteron-Ersatztherapie.

Erwünschte Wirkungen der Testosteron-Ersatztherapie:

  • Steigerung von Muskelmasse und Muskelkraft
  • Weniger Müdigkeit und Leistungsschwäche
  • Gesteigerte Libido, Besserung von Impotenz-Beschwerden (und besseres Ansprechen auf Viagra® & Co)
  • Verbesserung der Körperkoordination, Reduzierung der Fallneigung
  • Verbesserung der Abwehr, weniger Infektionen
  • Rückgang von Gelenkbeschwerden, Verbesserung der Knochendichte.

Risiken und Nebenwirkungen der Testosteron-Ersatztherapie:

  • Vermehrtes Wachstum der Prostata, auch eines (unentdeckten) Prostatakrebses
  • Ödeme
  • Bluthochdruck
  • Vergrößerung der Brust und Brustspannen
  • Herzinsuffizienz und Blutverdickung
  • Verschlechterung der Blutfettwerte, Anstieg der Leberwerte im Blut
  • Akne (oft aber nur am Anfang der Therapie).

Besteht eines der als Nebenwirkung genannten Probleme bereits als Begleiterkrankung, sollte von der Testosteron-Ersatztherapie Abstand genommen werden.

Verabreichungsformen des Testosterons. Wenn man sich trotz der genannten Risiken zu einer Testosteron-Therapie entschließt, so erfolgt die Gabe täglich über Testosteron-Hautgels oder in Form von intramuskulären Testosteron-Spritzen alle 10–14 Wochen (z. B. Nebido®). Zwar haben die Hautgels geringere Nebenwirkungen, sind aber umständlich zu handhaben (tägliches Auftragen, anfangs Hautkontakt mit der Partnerin vermeiden), weshalb sie die Spritzen nicht abgelöst haben. Die Testosteron-Zufuhr sollte zunächst auf 3–6 Monate beschränkt bleiben. Nur wenn sich mindestens 3 erwünschte Effekte und keine wesentlichen Nebenwirkungen, wie z. B. Blutbildveränderungen oder ein Anstieg der Leberwerte (Laborkontrollen!) eingestellt haben, ist die Fortsetzung der Therapie zu vertreten. Die Libido sollte sich in der Regel nach wenigen Wochen bessern, eine erektile Dysfunktion nach etwa 6 Monaten. Die Knochendichte verbessert sich ebenfalls nach etwa 6 Monaten und steigt bis zu 3 Jahre nach Therapiebeginn an.

Außerdem überwacht der Arzt halbjährlich den PSA-Wert als Indikator für das beschleunigte Wachstum eines Prostatakrebses. Er darf um maximal 1 ng/ml pro Halbjahr ansteigen und den Grenzwert von 4 ng/ml nicht überschreiten, sonst muss die Testosteron-Ersatztherapie abgebrochen werden. Auch die regelmäßige Prostata-Tastuntersuchung ist aus diesem Grund bei einer Testosteron-Ersatztherapie sehr wichtig. Über die maximal mögliche Therapiedauer einer Testosteron-Ersatztherapie herrscht keinerlei Einigkeit bei den Experten.

Ihr Apotheker empfiehlt

Was Sie selbst tun können

Inwieweit Sie sich von den vermeintlichen oder tatsächlichen PADAM-bedingten Begleiterscheinungen in ihrer Lebensqualität beeinträchtigen lassen, ist – vergleichbar mit den Wechseljahrbeschwerden der Frau – zweifellos auch eine Frage der inneren Einstellung. Die nicht unerheblichen Risiken einer Testosteron-Ersatztherapie legen nahe, erst einmal auf andere Weise zu versuchen, die unerwünschten Folgeerscheinungen eines nachgewiesenen Testosteronmangels in den Griff zu bekommen. Hilfe, Informationen und Tipps dazu finden Sie in den Beiträgen

Weiterführende Informationen

  • Die an anderer Stelle begründete Skepsis gegenüber urologischen Internetseiten besteht in besonderem Maße gegenüber urologischen Anti-Aging-Internet-Angeboten. Man sollte genau prüfen, was die von Google & Co. genannten Informationsquellen behaupten.
  • Weiteres zum Thema Anti-Aging.

Von: gesundheit-heute.de; Dr. med. Martina Sticker, Dr. med. Arne Schäffler in: Gesundheit heute, herausgegeben von Dr. med. Arne Schäffler. Trias, Stuttgart, 3. Auflage (2014). Überarbeitung und Aktualisierung: Dr. med. Sonja Kempinski | zuletzt geändert am 21.10.2019 um 12:49


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