Mehr als ein Hausbesuch

Mobile Geriatrie

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Vertraute Atmosphäre - mobile Geriatrie ermöglicht das Durchführen von Rehabilitationsmaßnahmen in den eigenen vier Wänden.

Selbständigkeit bewahren, Pflegebedürftigkeit vermeiden: Dies ist das Ziel der sogenannten mobilen Geriatrie. Wie diese aufgebaut ist und welche Chancen sich für Patienten, Ärzten und Kliniken bieten.

Mobile Geriatrie ist eine Form der mobilen Rehabilitation, die speziell auf die Versorgung betagter Patienten in ihrer häuslichen Umgebung zielt. Seit 2007 besteht ein gesetzlicher Anspruch darauf. Die mobile Geriatrie ist besonders geeignet für dauerhaft beeinträchtigte Menschen, die nicht in der Lage sind, eine stationäre oder tagesklinische Rehabilitationseinrichtung aufzusuchen, zum Beispiel aufgrund einer Demenz oder einer körperlichen Behinderung.

Deutschlandweit gibt es circa 15 Standorte, die mobile Geriatrie leisten. Eines dieser Zentren ist die „Mobile Reha Bremen“, die rund 150 Fälle im Jahr betreut. Im Interview mit der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) erläutert Dr. Rudolf Siegert die Vorzüge und Chancen der mobilen Versorgung. Der Experte ist medizinischer Geschäftsführer der „Mobilen Reha Bremen“ und Chefarzt der Klinik für Geriatrie, Physikalische Medizin und Rehabilitation am Klinikum Bremen Ost.

Dr. Siegert, warum ist die mobile Geriatrie so wichtig?

Dr. Siegert: Es gibt derzeit eine deutliche Zahl an Patienten, die unter- beziehungsweise nichtversorgt sind und erst mithilfe der mobilen Geriatrie ein Rehabilitations-Angebot erfahren können. Dabei geht es um jene Menschen, die von einer Reha-Maßnahme nur profitieren können, wenn sie direkt in ihrem vertrauten Wohnumfeld erfolgt, sei es in ihrem eigenen Haus oder in einer Pflegeeinrichtung. Nach einer Schenkelhalsfraktur oder einem Schlaganfall kann eine klassische ambulante oder stationäre geriatrische Rehabilitation zum Beispiel an einer ausgeprägten Demenz, Depression oder massiven Sehstörung scheitern.

Was genau umfasst das Angebot?

Wir bieten eine komplexe, rehabilitative Versorgung wie in einer stationären oder ambulanten Einrichtung. Dies ist nicht mit einem therapeutischen Hausbesuch zu verwechseln. Stattdessen arbeiten wir mit dem kompletten geriatrischen Team, das heißt, bei uns arbeiten Ärztinnen und Pflegefachkräfte mit Fachleuten aus den Bereichen Physio- und Ergotherapie, Logopädie, Neuropsychologie, Ernährungs- und Sozialberatung eng zusammen. Auch Prozesse wie Fallbesprechungen und die Festlegung von Reha-Zielen sind identisch. Und es gibt gewisse Vorteile: Zum einen sind wir in einem gewissen Rahmen flexibel, wie die vorgesehenen 40 Therapieeinheiten à 45 Minuten zeitlich verteilt werden. Zum anderen handelt es sich stets um Einzeltherapie durch sehr berufserfahrene Therapeutinnen und Therapeuten.

Ist die Einrichtung einer mobilen Geriatrie für Kliniken auch finanziell attraktiv?

Die geriatrische Rehabilitation steht in Deutschland unter einem enormen Finanzierungsdruck durch die Kostenträger. Auch mit mobiler Reha kann man nicht Mengen an Gewinnen erwirtschaften. Aber man kann sie so organisieren, dass sie sich trägt und auch Mittel für notwendige Investitionen abwirft. Neben diesem wirtschaftlichen Aspekt ist aber von besonderer Bedeutung, dass eine Klientel erreicht  wird, die zuvor schlecht oder gar nicht versorgt wurde. Und das ist eine wirklich sinnvolle Ergänzung im Sinne des geriatrischen Versorgungsnetzes.

Warum gibt es bislang so wenige mobile Geriatrien? Wie lässt sich das ändern?

Trotz des seit 2007 gesetzlich verankerten Anspruchs auf Versorgung durch mobile Geriatrie gibt es bisher wenig Interesse, solche Angebote zu schaffen – sowohl bei den Kostenträgern als auch unter Ärzten. Die Kostenträger befürchten zusätzliche finanzielle Belastungen, geriatrische Einrichtungen fürchten um den Fortbestand ihrer Behandlungsplätze. Dabei wird jedoch übersehen, dass diese Klientel bisher überwiegend gar nicht versorgt wurde und in einer klassischen geriatrischen Einrichtung nicht adäquat behandelt wäre. So ist es kein Wunder, dass erste mobile Geriatrien zwar schon Anfang der 90er-Jahre entstanden, aber seitdem erst ein gutes Dutzend Angebote hinzukam. Zum Vergleich: Der Anspruch auf spezialisierte, ambulante Palliativversorgung, die Schwerstkranken ein menschenwürdiges Leben bis zum Tod in häuslicher oder familiärer Umgebung ermöglichen soll, wurde in etwa zeitgleich gesetzlich geregelt – aber wird schon jetzt weit verbreitet in Deutschland angeboten. Aktuell kommt jedoch wieder Bewegung in die Angelegenheit, da die Gesundheitspolitik die mangelnde Umsetzung mobiler Rehabilitation für ältere (aber auch für jüngere) Menschen registriert hat und Maßnahmen einfordert. Gespräche auf Bundesebene sollen zu einer schnellen Verbesserung und Verbreitung der Angebotsstrukturen führen.

Weitere Informationen

Wie genau sich mobile geriatrische Rehabilitation in die Praxis umsetzen lässt, darüber informiert das Gründerseminar „Mobile geriatrische Rehabilitation“ der DGG-Fortbildungsakademie am Freitag, 26. Februar 2016, in Bremen. Das Seminar unterstützt Interessenten bei Planung und Kalkulation, um mit den Kostenträgern zu verhandeln und die mobile Rehabilitation dauerhaft zu betreiben. Auch auf die Eingliederung des Konzepts in eine bestehende Versorgung werden die Seminarteilnehmer vorbereitet.

Grundlegende Informationen zur mobilen Geriatrie finden Interessierte bei der Bundesarbeitsgemeinschaft Mobile Rehabilitation e.V.

Autoren

DGG/Sandra Göbel | zuletzt geändert am um 15:15 Uhr
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