Wie und warum?

Künstliches Koma

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Bei schweren Schädelverletzungen verbessert das künstliche Koma oft die Überlebenschance des Patienten.

Ist ein Mensch bewusstlos, ist seine Wahrnehmung ausgeschaltet. Schmerzen und Ängste nimmt er nicht wahr. Eine Kommunikation ist nicht mehr möglich. Bei bestimmten Krankheitsbildern kann jedoch gerade im Ausschalten des Bewusstseins der Schlüssel zur Heilung liegen. Dann setzen Ärzte auf das künstliche Koma, um die Behandlung des Patienten zu verbessern.

Wann ist das Koma künstlich?

Das künstliche Koma ist ein narkoseähnlicher Zustand, den Ärzte gezielt mit Medikamenten herbeiführen, um den Körper zu entlasten und dadurch die Überlebenschancen eines Patienten zu verbessern.

Im engeren Sinne handelt es sich beim künstlichen Koma nicht um ein Koma. Denn in der Medizin bezeichnet der Begriff Koma einen unkontrollierten Bewusstseinsverlust, den Ärzte weder herbeigeführt haben noch beenden können. Blenden Ärzte das Bewusstsein gezielt aus, wie beim künstlichen Koma, sprechen Experten von einer Analgosedierung, einer Schmerz- und Bewusstseinsausschaltung. Sie kann von den Medizinern gesteuert und beendet werden, indem die Ärzte die Dosierung der eingesetzten Medikamente anpassen.

Den Tiefschlaf während des künstlichen Komas bewirken ähnliche Substanzen wie bei einer Vollnarkose. Es handelt sich immer um eine Kombination verschiedener Medikamente, darunter Schmerz- und Schlafmittel. Je nach Dosierung der Medikamente ist der resultierende Schlaf tiefer oder flacher.

Es ist keine generelle Aussage darüber möglich, ob ein Patient im künstlichen Koma seine Umwelt oder Teile dessen wahrnimmt. Das ist abhängig von der Tiefe der Narkose, dem jeweiligen Krankheitsbild und davon, wie der Patient auf die verabreichten Medikamente reagiert.

Wozu das Ganze?

Das künstliche Koma ist Teil der Behandlung bei schweren intensivmedizinischen Krankheitsbildern. In Frage kommt es etwa bei Lungenversagen, Blutvergiftung, schweren Schlaganfällen, massiven Schädelverletzungen, Bauchfellentzündungen, nach großen chirurgischen Eingriffen oder infolge einer Wiederbelebung nach Herzstillstand. Ärzte und Apparate übernehmen die Kontrolle über die Grundfunktionen des Körpers wie Atmung und Verdauung. Das entlastet den Körper. Die Ernährung erfolgt durch eine Magensonde mit Spezialnahrung oder intravenös über die Blutbahn, zur Sauerstoffversorgung dient ein Beatmungsgerät. Die Ärzte überwachen kontinuierlich Atmung, Herzfrequenz, Blutdruck und Körpertemperatur des Patienten.

Bei größeren Schädelverletzungen oder Schlaganfällen schwillt das Gehirn an. Es hat jedoch innerhalb des Schädels kaum Platz sich auszudehnen. In der Folge steigt der Druck im Schädel an, Blutgefäße werden abgeklemmt. Dadurch besteht die Gefahr, dass das Gehirn nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird. Es drohen dauerhafte geistige Schäden. In diesen Fällen kann das künstliche Koma dazu beitragen, die Druckverhältnisse in Kopf und Gehirn zu regulieren und die Sauerstoffversorgung des Gehirns zu verbessern. Während des künstlichen Komas, besteht für die Ärzte die Möglichkeit, die Körpertemperatur des Patienten von knapp 37 Grad Celsius auf 34 - 32 Grad Celsius herabzusetzen. Bei niedriger Körpertemperatur verlangsamt sich der Stoffwechsel, sodass der Sauerstoffverbrauch sinkt. Dadurch reduziert sich das Risiko für einen Sauerstoffmangel im Gehirn.

Wie läuft das Aufwachen?

Wenn die zugrunde liegende Erkrankung behandelt und der Patient stabilisiert ist, leiten die Ärzte das Aufwachen aus dem künstlichen Koma ein. Leidet der Patient zum Beispiel an einem schweren Schädel-Hirn-Trauma, darf das künstliche Koma erst beendet werden, wenn die Blutungen im Gehirn gestoppt und die Schwellungen im Kopf zurückgegangen sind.

Gefahren und Nebenwirkungen eines künstlichen Komas sind nach Ansicht der Fachleute gering. Das größte Risiko besteht darin, dass beim Erwachen nicht alle Grundfunktionen des Körpers wieder störungsfrei anlaufen. Um den Körper nicht zu überfordern, lassen die Ärzte den Patienten deshalb langsam wachwerden, indem sie allmählich die Dosis der Medikamente senken. Man nennt das „Ausschleichen“. Dieser Vorgang kann sich über mehrere Tage erstrecken. Dabei nehmen die Patienten wieder zunehmend mehr Dinge aus ihrer Umgebung wahr.

Nach dem Wachwerden braucht der Körper eine Weile, bis er die Medikamente abgebaut hat. Daher haben viele Patienten nach einem künstlichen Koma Entzugserscheinungen wie starkes Schwitzen, Kreislaufbeschwerden oder Verwirrtheit. Es ist möglich, dass sie ihre Angehörigen zunächst nicht erkennen oder Wahnvorstellungen haben, die medikamentös behandelt werden müssen. Diese Beschwerden verschwinden in der Regel nach einigen Tagen bis Wochen.

Autoren

Sandra Göbel | zuletzt geändert am 03.01.2014 um 14:34 Uhr
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